Die wichtigsten Museen für Kunst des 20. Jahrhunderts
Wer die Kunst des 20. Jahrhunderts erfassen will, kommt um eine Handvoll Häuser nicht herum. Sie haben den Kanon mitgeprägt, ihn überprüft und in den letzten Jahren neu sortiert. Hier zehn Sammlungen, deren Besuch sich für ernsthafte Interessierte lohnt und ein paar Bemerkungen zu ihrer Eigenart.
MoMA, New York
Das Museum of Modern Art an der West 53rd Street hat den Kanon definiert: Picassos Demoiselles d'Avignon, van Goghs Sternennacht, Matisses Tanz, Pollock, Rothko, Newman. Mit der Erweiterung 2019 (Diller Scofidio + Renfro) und der Neuhängung der Dauerausstellung wurde die Sammlung durchlässiger für lange marginalisierte Stimmen ein überfälliger Schritt, der die Erzählung der Moderne breiter macht.
Das MoMA wurde 1929 gegründet, von Abby Aldrich Rockefeller und zwei Mitstreiterinnen, in einer Zeit, als Impressionismus und Postimpressionismus im amerikanischen Museumsbetrieb kaum Platz fanden. Heute umfasst die Sammlung über 200.000 Objekte: Gemälde, Skulpturen, Druckgrafik, Fotografie, Film und Design. Besonders stark ist der Bestand zur abstrakten Malerei der New York School, zum europäischen Surrealismus und zur konzeptuellen Kunst der 1960er und 1970er Jahre. Die Eintrittskarten kosten um die 25 US-Dollar; freitags abends ist der Eintritt kostenlos. Anfahrt: Metro-Linie E, M, Station 5th Avenue/53rd Street.
Centre Pompidou, Paris
Die tiefste Sammlung des 20. Jahrhunderts in Europa: 120.000 Werke vom Fauvismus über den Kubismus, den Surrealismus, die Arte Povera bis zur französischen Kunst nach 1968. Das Haus ist derzeit für eine umfangreiche Renovierung geschlossen; die Sammlung tourt das ist die Gelegenheit, Pompidou-Schlüsselwerke in anderen Häusern zu treffen.
Das Centre Pompidou wurde 1977 eröffnet, ein Entwurf von Renzo Piano und Richard Rogers, der mit seinen farbcodierten Leitungsrohren außen und dem freiliegenden Stahlgerüst die Architekturwelt spaltete. Die Dauerausstellung war über vier Etagen organisiert: die Moderne bis 1960 auf einer, die zeitgenössische Kunst danach auf der anderen. Besonders bedeutend ist der Bestand an Werken von Kandinsky, Léger, Brancusi, Duchamp und Beuys. Das Musée National d'Art Moderne im Pompidou gilt als das vollständigste Museum für europäische Moderne überhaupt. Wenn es wieder öffnet vermutlich nach 2027 lohnt sich die Anreise per RER B oder Métro Hôtel de Ville besonders.
Tate Modern, London
In der zum Museum umgebauten Stromzentrale am Bankside (Herzog & de Meuron 2000, Erweiterung 2016) verwahrt die Tate Modern die internationale moderne Sammlung der britischen Nation starke Picasso-, Matisse- und Rothko-Bestände, ergänzt durch eine wachsende globale Präsenz, die das eurozentrische Bild der Moderne korrigiert.
Die Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks ist ein architektonisches Erlebnis für sich: 35 Meter hoch, 155 Meter lang, regelmäßig bespielt von raumgreifenden Installationen internationaler Künstlerinnen und Künstler. Die Sammlung ist thematisch statt chronologisch gehängt, was zunächst befremdlich wirkt, aber überraschende Dialoge ermöglicht. Der Eintritt in die Dauerausstellung ist frei; für Sonderausstellungen werden Gebühren erhoben. Die Tate Modern liegt fußläufig von der Millennium Bridge und der Tate Britain entfernt, erreichbar über die Southwark-Station der Jubilee Line.
Stedelijk Museum, Amsterdam
Das Stedelijk hat die größte Konzentration an Malewitsch-Werken außerhalb Russlands, eine herausragende De-Stijl-Gruppe (Mondrian, Rietveld) und bedeutende Bestände der Pop Art und der Konzeptkunst. Wer die niederländische Moderne ernsthaft studieren will, beginnt hier.
Das 1895 gegründete Stedelijk hat eine bemerkenswerte Erwerbungsgeschichte: Der Direktor Willem Sandberg führte das Haus nach 1945 zur internationalen Avantgarde und baute systematisch Cobra, amerikanische Pop Art und Minimal Art in die Sammlung ein. Die weiße „Badewannen"-Erweiterung von Benthem Crouwel (2012) verdoppelte die Ausstellungsfläche und ist heute selbst ein Diskussionsgegenstand in der Architekturwelt. Besonders empfehlenswert: die Graphiksammlung und das Designdepot. Eintritt um die 22,50 Euro; erreichbar vom Bahnhof Amsterdam Centraal mit der Tram 2 oder 12 bis Museumplein.
Museum Ludwig, Köln
Die drittgrößte Picasso-Sammlung weltweit plus zentrale Werke der Pop Art Lichtenstein, Warhol, Rosenquist. Die russische Avantgarde ist außergewöhnlich gut vertreten. Köln ist mit dem Museum Ludwig und dem nahen Wallraf-Richartz-Museum eine der besten Ein-Tages-Adressen für Kunst zwischen 1900 und 1970.
Das Museum Ludwig wurde 1976 gegründet, als Peter und Irene Ludwig dem Kölner Stadtrat ihre Sammlung schenkten, verbunden mit der Auflage, ein eigenes Haus zu bauen. Busmann + Haberer entwarfen das markante Gebäude direkt am Rhein, das 1986 eröffnete. Die Bestände umfassen rund 40.000 Objekte; besonders stark ist neben Picasso und Pop Art die Abteilung zur russischen Avantgarde mit Werken von Rodtschenko, El Lissitzky und Malevitsch. Eintritt um die 13 Euro; das Museum liegt fußläufig vom Hauptbahnhof und dem Kölner Dom.
Museum of Contemporary Art (MOCA), Los Angeles
MOCA Grand Avenue (Arata Isozaki, 1986) und das Geffen Contemporary zeigen zusammen die Kunst nach 1940 mit starken Rothko-, Rauschenberg- und Twombly-Beständen sowie einer profunden Westküsten-Sammlung. Wer L.A. mit New York nur über Klischees vergleicht, korrigiert sich hier.
Das MOCA ist das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Los Angeles, 1979 gegründet auf Initiative von Künstlern, Galeristen und Sammlern der Stadt. Das Geffen Contemporary im Stadtteil Little Tokyo, eine umgebaute Lagerhalle von Frank Gehry, dient als flexibler Ausstellungsraum für großformatige Installationen. Besonders hervorzuheben ist die permanente Sammlung mit Werken von Mark Rothko, Franz Kline, Lee Krasner und den Vertretern der Los Angeles-Szene der 1960er Jahre, darunter Ed Ruscha, Larry Bell und Robert Irwin. MOCA Grand Avenue liegt an der Metro-Linie B/D, Station Civic Center/Grand Park.
SFMOMA, San Francisco
Die Snøhetta-Erweiterung 2016 hat die Ausstellungsfläche verdreifacht. Die Doris and Donald Fisher Collection ist nun integriert großer Calder, ein vorzüglicher Richter-Bestand, deutscher Expressionismus von Rang. Die Stadt ist dadurch zu einer Top-Adresse für moderne Kunst aufgerückt.
Das SFMOMA wurde 1935 gegründet und ist damit das älteste Kunstmuseum für moderne und zeitgenössische Kunst an der amerikanischen Westküste. Das ursprüngliche Gebäude von Mario Botta (1995) fiel durch seinen charakteristischen gestreiften Backsteinturm auf; die Erweiterung durch Snøhetta 2016 schuf zusätzliche 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Die Fisher Collection umfasst herausragende Werke von Gerhard Richter, Alex Katz, Ellsworth Kelly und Chuck Close. Eintritt um die 25 US-Dollar; erreichbar mit BART, Station Montgomery Street, oder mit dem Muni-Bus.
Reina Sofía, Madrid
Picassos Guernica ist der Anker des Hauses, dazu ein außergewöhnlicher spanischer Surrealismus mit Dalí und Miró und die Vicente-Aleixandre-Sammlung lateinamerikanischer Kunst. Das Haus erzählt die spanische Moderne im Zusammenhang von Bürgerkrieg und Exil eine Perspektiva, die in New York oder Paris so nicht zu haben ist.
Das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía wurde 1992 eingeweiht, untergebracht in einem ehemaligen Krankenhaus aus dem 18. Jahrhundert im Zentrum Madrids. Jean Nouvel erweiterte das Haus 2005 mit einem markanten orangen Metalldach. Guernica wurde nach dem Tod Francos auf Wunsch Picassos aus dem MoMA nach Spanien überführt und hängt seit 1992 im Reina Sofía. Die Sammlung zeigt systematisch, wie der Bürgerkrieg (1936–1939) die Biographien der spanischen Künstlerinnen und Künstler geformt hat: Exile, Rückkehr, Schweigen, Widerstand. Metro-Station Atocha, wenige Meter vom Bahnhof Atocha entfernt.
Kunstmuseum Basel und Fondation Beyeler
Basel ist auf einen Tag eine Pilgerstätte: Das Kunstmuseum hat einen exzellenten Kubismus-Bestand und einen ungewöhnlichen Beuys, die Fondation Beyeler in Riehen zeigt einen edited Querschnitt von Cézanne bis Bacon. Beide Häuser zusammen sind eine kleine Geschichte der westlichen Moderne in zwei Spaziergängen.
Das Kunstmuseum Basel, 1661 als erstes öffentliches Kunstmuseum der Welt gegründet, hat seine Stärke in der Altmeistersammlung sowie in einem bedeutenden Bestand der klassischen Moderne, insbesondere Cézanne, Braque, Léger und der deutschen Expressionisten. Die Fondation Beyeler wurde 1997 vom Basler Galeristen Ernst Beyeler in einem Renzo-Piano-Bau in Riehen eröffnet; die rund 200 Werke umfassende Dauerausstellung gehört zu den klügsten Auswahlen überhaupt. Beide Häuser liegen in der Region Basel und sind per Tram bequem erreichbar; die Museumsnacht Basel im Januar lohnt für beide auf einmal.
Tokio: Mori, MOT und Nationalmuseum für Moderne Kunst
Die zeitgenössische Kunstlandschaft Tokios Mori Art Museum, Museum of Contemporary Art Tokyo (MOT), Nationalmuseum für Moderne Kunst sowie das ehemalige Hara Museum (2021 geschlossen) deckt zusammen die japanische Kunst des 20. Jahrhunderts umfassend ab. Wer Mono-ha, Gutai und das japanische Nachkriegsdesign studieren will, kommt hier weiter als anderswo.
Das Mori Art Museum, im 53. Stockwerk des Roppongi Hills Mori Tower, eröffnete 2003 und zeigt zeitgenössische internationale Kunst mit starkem Fokus auf asiatische Positionen. Das MOT in Kiba deckt vor allem die japanische Kunst der Nachkriegszeit ab: Gutai, die Bühnen der 1960er Bewegungen, Mono-ha. Das Nationalmuseum für Moderne Kunst (MOMAT) am Kitanomaru-Park in Chiyoda zeigt japanische Moderne vom frühen 20. Jahrhundert bis heute. Wer Tokio ernst nimmt als Kunstmetropole, plant mindestens zwei Tage ein. Roppongi Hills ist per Metro (Hibiya-Linie) erreichbar, das MOT über die Tôzai-Linie.
Den eigenen Reiseplan zusammenstellen
Eine thematische Liste lässt zwangsläufig Würdiges aus. Über die Karte lassen sich weitere Häuser finden, nach Schwerpunkt und Land filtern und so Routen bauen, die zur eigenen Frage passen statt zum erstbesten berühmten Namen. Wer die Kunst des Jahrhunderts in ihrer ganzen Breite verstehen will, muss irgendwann auch die weniger kanonischen Häuser aufsuchen: das Van Abbemuseum in Eindhoven, das Moderna Museet in Stockholm, das Louisiana in Humlebæk oder das mumok in Wien. Der Kanon ist kein abgeschlossenes System sondern ein Gesprächsangebot, das jede Reise neu einlösen kann.