Die Debatte um die Parthenon-Skulpturen
Kein Restitutionsfall ist so dauerhaft präsent wie der um die Parthenon-Skulpturen. Was 1801 als Akt eines britischen Diplomaten begann und 1816 in einen Kauf durch das britische Parlament mündete, ist seit Jahrzehnten Gegenstand einer Auseinandersetzung, die längst über Athen und London hinaus Folgen entfaltet.
Elgins Abtransport 1801-12
Thomas Bruce, 7. Earl of Elgin, war 1799 bis 1803 britischer Botschafter am osmanischen Hof. Mit osmanischer Genehmigung — das Firman, das diese Erlaubnis dokumentieren soll, ist bis heute umstritten — ließ er zwischen 1801 und 1812 etwa die Hälfte der noch erhaltenen Parthenon-Skulpturen von der Akropolis abtragen und nach Großbritannien verschiffen.
Verkauf an die britische Nation 1816
Nach einer parlamentarischen Untersuchung verkaufte Elgin die Skulpturen 1816 für 35.000 Pfund — etwa die Hälfte seiner Auslagen — an die britische Regierung. Seit 1817 sind sie im British Museum ausgestellt; der dortige Duveen Gallery wurde 1939 eigens für sie errichtet.
Was sich in London befindet
Die in London bewahrten Parthenon-Skulpturen umfassen 75 Meter des ursprünglichen ionischen Frieses, 17 Figuren der Giebelgruppen und 15 Metopen. Der Rest der erhaltenen Skulpturen ist im Akropolismuseum in Athen.
Das Akropolismuseum 2009
Das von Bernard Tschumi entworfene und 2009 eröffnete Akropolismuseum wurde mit leeren Gipsabdrücken an den Stellen ausgestattet, an denen die Londoner Skulpturen im Falle einer Rückgabe hängen würden. Das ist ein architektonisches Argument für die Restitution, das jeder Besucher sieht, bevor er ein Wort darüber liest.
Die griechische Position
Griechenland fordert die Rückgabe seit 1983 formell. Die UNESCO und ihr Intergovernmental Committee for Promoting the Return of Cultural Property haben den Dialog mehrfach angemahnt; die griechische Regierung bietet Wechselausstellungen anderer Bestände als Kompensation an.
Die britische Position
Der British Museum Act 1963 hindert die Trustees rechtlich daran, Objekte dauerhaft zu übertragen — ein Parlamentsbeschluss wäre nötig. Die offizielle Position des Hauses lautet, die Skulpturen würden in London von mehr Menschen gesehen als in Athen — ein Argument, das angesichts der Besucherzahlen des Akropolismuseums zunehmend ins Wanken gerät.
Verhandlungen 2022-23
Vertrauliche Gespräche zwischen dem damaligen Vorsitzenden der British Museum Trustees, George Osborne, und griechischen Regierungsvertretern 2022-23 sollen ein Modell langfristiger Leihverträge oder einer Kulturpartnerschaft sondiert haben. Eine öffentliche Einigung blieb aus.
Öffentliche Meinung
Umfragen im Vereinigten Königreich zeigen seit über einem Jahrzehnt eine konstante Mehrheit für die Rückgabe. In Griechenland ist die Zustimmung erwartungsgemäß überwältigend.
Breitere Wirkung
Der Parthenon-Fall ist der prominenteste Restitutionsdisput in westlichen Museen und prägt die Verhandlungen über viele kleinere Fälle. Wer über Restitution diskutiert, kommt an Athen und London nicht vorbei — selbst dann, wenn der eigene Fall mit Bronzen aus Benin, Holzschnitten aus Hawaii oder Tafelbildern aus Krakau zu tun hat.
Auf der Karte sind das British Museum und das Akropolismuseum verzeichnet. Wer beide Stätten besucht, erlebt den Disput konkret — in den leeren Plätzen in Athen und in den vollen Saal in London.